die leinwand, der winkel und ich

ausbrechen1Eine große Herausforderung in meinem Alltag als Künstlerin kann das Herstellen von Leinwänden sein. Letzte Woche habe ich meine Keilrahmenleisten hervorgeholt und auf meinem Atelierfußboden ausgebreitet. Viel zu lange sind sie schon unbeachtet herumgelegen, warteten auf meine Zuwendung und bildeten ein Hindernis – eine Stolperfalle. An einem dieser winterlichen Frühlingstage habe ich mich endlich ihrer angenommen.
Die Leisten werden zusammengesteckt und -gehämmert. Danach folgt der für mich mit Abstand schwierigste Arbeitsschritt: ich muss vier rechte Winkel herstellen. Vielleicht schmunzelt Ihr jetzt, doch diese simple und scheinbar so einfache Aufgabe kann ausufern und viel Zeit und vor allem Geduld in Anspruch nehmen. Während ich mit dem Winkeleisen eifrig hantiere, klopft es an der Tür. Ein befreundeter Schreiner schaut spontan vorbei und gibt mir Tips wie ich das Teil garantiert in den rechten Winkel bekäme. Natürlich, die Diagonalen muss ich messen. Angeblich ist das absolut „easy“, mit diesen Winkeln. Ich messe und messe und korrigiere und messe……. Nun drücke und ziehe ich gemäß der Anweisungen vom Profi an den Diagonalen. Betonen muss ich, dass es sich hier um einen Millimeterbereich handelt, was meinen Geduldsfaden aufs Äußerste strapaziert. Nach geraumer Zeit liegen zwei gelungene Keilrahmen zum Bespannen bereit. Es wird Zeit für eine Stärkung.
Nach meiner Mittagspause bestaune ich stolz mein Werk………und stelle fest, dass die Vierecke – perfekt im rechten Winkel – ganz schön groß sind. Was ist geschehen? Sind sie gewachsen? Fordern sie als Reaktion für die monatelange Nichtbeachtung Aufmerksamkeit ein? Ist da Eifersucht auf das Papier im Spiel? Auch Dinge führen ihr Eigenleben. Nein, ich spinne nicht, das ist tatsächlich so – bei mir zumindest. In diesem Fall habe ich – nüchtern gesehen – die „falschen“ Leisten zusammengefügt. Natürlich hätte ich diese in ihrer neuen und ungewollten Formation belassen können, doch dann wäre der Transport zum Problem geworden.
Zähneknirschend habe ich mein Werk wieder auseinandergenommen und von vorne angefangen.

So ist das mit der Kunst………Auf dem Weg zum fertigen Bild müssen einige Schwierigkeiten überwunden werden.

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